Der Garten – eine Expression der Seele?

Im Moment mag ich meinen Garten nicht. Ich bekomme echt richtig schlechte Laune, wenn ich rausgucke. Meine Stimmung ist wie ein frisch eingetretener Kaugummi. Der Garten ist chaotisch und nach dem Hagel vor drei Wochen auseinander gefallen. Viele Blätter sind zerschlagen, der Haarstrang, den ich letztes Jahr zu spät runter genommen habe, macht sich breit. Der blöde Dost ist auch überall, die Gräser sind abgeknickt. All diese Baustellen lähmen mich. Ich bin schlichtweg überfordert. „Strukturier dich mal, Mädchen,“ sagt die Vernunft. Aber mein Verstand greift nicht durch. Er war schon immer ein Schwächling.

Dabei denke ich an Andreas Niepel, seines Zeichens Gartentherapeut. Im Oktober erscheint mein Interview mit ihm in der Gartenpraxis, aber so viel nur am Rande. Jedenfalls weiß ich seitdem, dass der Garten tatsächlich ne Menge über denjenigen aussagt, der ihn gestaltet und pflegt und damit vermutlich wohl auch, was man selbst gerade in ihm sieht.
Tatsächlich hat Andreas mal einen Blick auf ein paar Bilder von meinem Garten geworfen und den Versuch einer Deutung aus Sicht der Gartentherapie gewagt. Natürlich unter dem Vorbehalt, dass er nicht den ganzen Gartenraum sieht und es sich dabei um ein Gemeinschaftsprojekt von meinem Mann und mir handelt. Das Ganze hatte eher einen Fun-Charakter, mit Andreas hat man eh ne gute Zeit, es war aber vor allem sehr erhellend.

Einleitend zu seiner Interpretation stellte Andreas noch ein paar grundsätzliche Fragen, die ich hier gerne zur Diskussion stellen möchte. Erschaffe ich mir mit meinem Garten ein Abbild von meinem Persönlichkeitsprofil oder das, was mich ausgleicht? Welcher Anteil einer Person wird durch den entsprechenden Garten vertreten? Zeigt sich im Garten mein ungeschminkter Anteil oder repräsentiert mein Garten eher, wie ich gerne wahrgenommen werden möchte?

Andreas entdeckte Aspekte, die mir vorher an mir bzw. uns gar nicht so klar waren. So bestünde die Kontrolle in unserem Garten darin, sich unter wirklich gar keinen Umständen festzulegen. Alles könne innerhalb einer einzigen Saison verändert werden. Und tatsächlich bleibe ich gerne unverbindlich und ändere meine Konzepte für Garten, Garderobe, Zukunft fortwährend und das klingt nicht nur verdammt anstrengend, aber gerade Linien gehen echt gar nicht! Zudem attestiert mir Andreas Blick in meinen Garten großen Optimismus und Selbstvertrauen. Die Gewissheit, dass ich mit allem schon klar komme, was da wächst und zur Not einfach eingreife, falls es doch mal nix wird – so kam es im Prinzip auch zu dem anfänglich beschriebenen Chaos. Tja, und was soll ich sagen: Optimismus gepaart mit Selbstvertrauen ist gerade offensichtlich nicht so. Also der Garten in meinem Fall doch ein Ausdruck, wie ich mich selbst gerne sehen würde? Ausgleichend ist das derzeit jedenfalls nicht, aber vielleicht gebe ich nach dieser Katharsis meinem Verstand doch nochmal eine Chance …

Ich bin gespannt, wie ihr das seht. Lasst es mich wissen!

Kommentare

  1. Hmmmm, Anke, ich kenne Deinen Garten nicht, nehme deshalb die Einschätzung von Andreas und Deine Betrachtung einfach so hin, wie sie oben steht. Aber die aufgeworfene Frage, ob der Garten Ausdruck des So-Seins oder Will-So-Scheinens ist, gefällt mir. Und ich kenne Gärten, deren Menschen sind eher sone und andere, die sind eher solche. Was beide jedoch meines Erachtens verbindet, ist dass jeder Garten – ich meine wirklich jeder – ein Ort für kontrollierte Natur ist. Mal mehr, mal weniger. Damit wird Dein aktueller Gemütszustand auch verständlich – Du hast einfach die Kontrolle verloren und das ist unbefriedigend. Wenn allerdings das „Nicht-Festlegen“ Deine/Eure Art der Kontrolle sein sollte, wie Du selbst vermutest, ist es nur konsequent, dass der Hagel, die Trockenheit, der Sturm, der Haarstrang, der Dost … miteinander um die Kontrolle ringen und Dich außen vor lassen. 🙂

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  2. Erstmal danke für deinen Kommentar, lieber Peter! Außen vor möchte ich nicht wirklich bleiben. Nich festlegen meinte Andreas eher in die Richtung, dass ich mit dem Garten auch gut umziehen könnte, weil vornehmlich Stauden als Gehölze den Gartenraum prägen. Aber ja, ich lasse viel laufen und bin froh über den Duktus des jeweiligen Jahreszeit. Ich traue der Natur ne Menge zu. Ich glaube kaum, dass „gute Gräser“ wirklich zurückgeschnitten werden müssen. Aber ja, in der Tat bin ich derzeit irgendwie planlos. Als ich noch „konventionell“ gearbeitet habe, fiel mir es mir deutlich leichter, anstehende Aufgaben zu sehen und umzusetzen. Und jetzt habe ich vielleicht zu lange nur zugesehen. Vielleicht ist der Garten aber auch ganz okay, und ich nehme derzeit nur das war, was meinen Gemütszustand spiegelt. So, als wenn man denkt, ein andere Person würde einen in einer bestimmten Art und Wiese wahrnehmen, was sie aber gar nicht tut. Diese Projektion ist schlicht und ergreifend die eigene Bewertung der Lage …

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