Rezension: Avantgardening. Plädoyer für gegenwärtiges Gärtnern

Als ich in einem Blog eine Rezension zu dem Buch “Avantgardening” las, fing ich sofort Feuer, denn der Autor schien mir so fundamental …

Mit seinem “Plädoyer für gegenwärtiges Gärtnern”, so der Untertitel, stellt der vielseitig bewanderte Gartenplaner Torsten Matschiess gemeinsam mit dem renommierten Fotografen Jürgen Becker im Ulmer Verlag sein erstes Buch vor.
In dem Buch dokumentiert Matschiess sehr humorvoll, wie er sich, Horowitz sei Dank, das Thema Garten erschlossen hat und welche grundlegenden Gedanken, Methoden und Erfahrungen er in den zehn Jahren, in denen er sich nun um den von ihm angelegten Garten Alst widmet, sammeln konnte. Die Tatsache, dass Torsten Dilettant im ursprünglichen und somit besten Sinne ist, macht das Buch authentisch und baut Hemmungen ab, die das große Themenfeld Garten mit sich bringen kann. Sein Vorgehen ist dabei streng systematisch. Eigene, zaghafte Impulse wie, “man müsste einfach mal ein Stück Land für einen Garten mieten” oder “eigentlich müsste man ja Testpflanzungen machen”, hatten sich bis zu diesem Buch für mich zwar immer richtig angefühlt, aber ich hatte ihnen nie wirklich Gehör geschenkt. Torsten aber, ein großer Mann mit großem Herz und viel Verstand, geht diesen Gedanken konsequent nach. So begutachtet er zunächst die umliegende Kulturlandschaft. Was wächst da eigentlich? Was funktioniert in der Nachbarschaft? Das neue Beet mal ein Jahr brach liegen lassen. Abwarten, was sich an Ort und Stelle für eine Vegetation breit macht und was bedeutet das für meine Pflanzenauswahl in meinen zukünftigen Garten? Testpflanzungen, na logo! Was angesichts der gängigen Gartengrößen zunächst etwas überdimensioniert erscheinen mag, ist in Hinblick auf den späteren Pflegeaufwand einfach nur smart. Und wenn man es schon macht, dann doch bitte gründlich! So fehlen in diesem Buch pauschale Pflanzempfehlungen und so sehr man es sich bei den beinahe episch anmutenden Bildern von Becker auch wünschen würde: zum Ende des Buches wird man den Garten Alst nicht eins zu eins nachpflanzen können. Viel gewinnbringender aber ist, dass man Schritt für Schritt während des Lesens mitdenken kann, wie man das Projekt Garten umsichtig angeht, wie man zwischen Pflanzplattitüden kühlen Kopf bewahrt und die Schönheit und Möglichkeiten des eigenen Stückchens Land entdeckt und annimmt. Wiederholt erinnerte mich das Plädoyer an die Pädagogik Jesper Juuls. Beziehung statt Erziehung. Hier nur eben nicht zum Kind sondern zum eigenen Garten. Das damit natürlich eine Verantwortlichkeit einhergeht, fließt ins Buch mit ein ohne oberlehrerhaft zu sein; Torstens Lieblingspflanzen als Anregung und einem abschließenden Kapitel zum Scheitern im Garten als feature.

Wer Gärtnern von der Stange möchte, der sollte sich die Kohle für das Buch sparen. Wer aber eine adulte Beziehung zu seinem Umfeld und Garten aufbauen möchte hat hier seinen Leitfaden inklusive short cuts gefunden. Garten jetzt! Das Buch lässt einen jegliche Dogmen abschütteln und öffnet die Terrassentür zum eigenen Atelier.
Bei Matschiess und Beuys, lasst uns alle Künstler sein!


„Eigentum verpflichet!“
Das große Interview mit dem Gartenplaner Torsten Matschiess findet ihr ab dem 15.2.2018 auf meiner Seite Grünes Blut. Unbedingt lesen, Seite abonnieren und gerne weiterempfehlen!


avantgardening_cover
Torsten Matschiess, Jürgen Becker

Avantgardening. Plädoyer für gegenwärtiges Gärtnern.
Ulmer Verlag. 2017.

192 S., 228 Farbfotos
Flexcover 
ISBN 978-3-8001-0872-5.
€ 29,90

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