Niemand ist eine Insel

Dieser Beitrag von Annette Lepple erschien ursprünglich als Blogpost auf https://personaleden.wordpress.com/ .
Titelbild „Transitzone 5“ – mit freundlicher Genehmigung von Margit Schuler (http://www.margit-schuler.de/cms/)

Hallo, ist da jemand? Es scheint eine Ewigkeit seit ich meinen letzten Beitrag geschrieben habe. Ich erinnere mich gut. Es war ein paar Tage nach meinem Geburtstag … wir schlitterten gerade in einen total schrägen Film, den wir bis heute nicht verlassen konnten. Seither wird die Welt jeden Tag verrückter. Über die letzten Monate habe ich viel gelernt. Ich bin immer noch in einem Schockzustand. Und ich bin sehr müde und ausgelaugt. Ich habe gelernt, dass die Demokratie auf SEHR wackligen Beinen steht. Dass Menschenrechte und Meinungsfreiheit – Dinge, die ich stets als selbstverständlich betrachtet habe – gar nicht selbstverständlich sind. Ich habe gelernt wie egoistisch Menschen sein können – okay, das ist nicht ganz neu 😉  –, dass viele finden, so lange es ihnen gut geht, gibt es keinen Grund zur Aufregung. Ich habe gelernt, dass Toleranz schwer zu finden ist, selbst unter Freunden und in der Familie. Und ich habe gelernt, dass sich die Menschen viel weiter von der Natur entfernt haben, als ich es für möglich hielt. Dass das Wissen um unsere eigene Vergänglichkeit den meisten Menschen abhanden gekommen ist. Wabi Sabi, nichts hält ewig. Ich habe auch gelernt, wie leise die Welt sein kann. Wie friedlich es wurde, als (fast) alles zum Erliegen kam. Ich dachte an die Eisbären und Pinguine, die für einmal nicht von Kreuzfahrtschiffen belästigt wurden. Wilde Tiere trauten sich aus ihren Verstecken. Und ich dachte an all die unschuldigen Menschen, die ihre Lebensgrundlage verloren. Des einen Segen ist des anderen Alptraum. Ich dachte (und denke noch immer!) an ältere Freunde, die eingesperrt wurden (und noch sind!) und denen man verbietet, ihre Kinder und Enkel zu sehen. Manche von ihnen werden sie vielleicht nie mehr wiedersehen. Während Politiker einem Virus den Krieg erklärten, ging die Natur unbeeindruckt ihrem Tagwerk nach. Die Welt drehte sich weiter, Blumen blühten, Vögel sangen, Bienen bestäubten…es war tröstlich zu sehen, dass, ganz egal wie verrückt sich die Menschen gebärden, manche Dinge gleich bleiben. Mutter Natur schüttelt wahrscheinlich den Kopf, wenn sie uns betrachtet, aber sie macht weiter. Seid versichert, dass der Planet (und die Viren!) auch noch da sein werden, wenn die klägliche Episode Homo sapiens vorbei ist. Die ganze Zeit half mir Wabi Sabi weiterzumachen – ich weiss, dass nichts ewig hält. Nichts ist je fertig oder perfekt. Wir befinden uns in einem permanenten Flow, und ja, wir sind sterblich. Aber wenn man weiss, die eigene Existenz ist zerbrechlich und flüchtig, dann sollten wir doch auch danach streben, aus jedem Tag das Beste zu machen. Carpe diem. Das sollte man zumindest annehmen. Leider sieht die Wirklichkeit anders aus. Wusstet ihr, dass alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger stirbt? Dass wir zwischen 1989 und 2015 75% der Biomasse der Fluginsekten verloren haben? Dass wir dieses Jahr bereits 3,8 Mio Hektar Boden aufgrund von Erosion verloren haben? Wusstet ihr, dass 800 Mio Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben? Wusstet ihr, dass es nur noch drei (!) Nördliche Breitmaulnashörner gibt? Sie leben in Gefangenschaft und um ihre Zukunft steht es schlecht. Experten schätzen, dass der derzeitige, rasende Artenverlust 1000- 10 000 mal höher ist als die natürliche Aussterberate. Aber eine Art gedeiht wie keine andere: der Mensch. Die Weltbevölkerung wächst durchschnittlich um 78 Mio jährlich. Die UNO schätzt, dass 2050 nahezu 10 Milliarden Menschen auf dem Planeten leben werden. Vielleicht fragt ihr euch, was all diese Fakten mit dem zu tun haben, was wir gerade erleben – naja, ich glaube, sie relativieren es. Während wir unser Leben langsam wieder zusammenflicken (jene unter uns, die das noch können!), ein Leben, was, wie man uns täglich mehrfach versichert, nie wieder dasselbe sein wird 😉 , lasst uns mal einen Moment über die Vergangenheit und Zukunft nachdenken. Ich glaube, wir haben jetzt die Chance, unser Leben zum Besseren zu verändern – aber werden wir das tun? Ich möchte nicht zurück zum alten zerstörerischen Treiben. Ich würde gern in einer Welt leben, in der Menschen Prioritäten richtig setzen, echte Werte haben und anfangen, sich um unseren Planeten zu kümmern. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Hass, Angst, Gier und Lügen regieren und alles, was ich von meinem Gegenüber sehe, ein Paar mit Verzweiflung gefüllte Augen ist. Eine Welt, in der Vermummung die neue Normalität ist. Ich habe immer gedacht, ich bin eine Insel. Bis vor kurzem lebte ich in einer Art Bubble, eine frohe dazu, aber ich habe gelernt, dass man nicht immer in der Bubble bleiben kann. Manchmal muss man sie verlassen. Wohin jetzt? Komm mit auf einen Spaziergang durch Blumenwiesen. Lassen wir unseren Gedanken und unserer Vorstellungskraft Flügel wachsen. Wie soll eure Welt von morgen aussehen? Die Zukunft liegt in euren Händen – denkt nicht, dass ihr eh nichts ausrichten könnt. Ich schicke euch allen Kraft und positive Energien. Seid stark.

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