Nachgehakt bei… Peter Vornholt aus dem Schlossgarten Bad Homburg

Ich freue mich echt sehr in meiner neuen Rubrik „Nachgehakt bei…“ , Peter Vornholt, den verantwortlichen Hofgärtner des Bad Homburger Schlossgartens, als meinen ersten Interviewpartner für eine Runde Expertenwissen gewonnen zu haben.
An sich ist das mit dem Verwildern und dem naturnahen Gärtnern mit Blick auf die Gartengeschichte ja ein alter Hut. Kein Landschaftsgarten kam und kommt ohne diese beiden Kunstgriffe aus… Nicht ohne Grund habe ich mich als Gartenkunstfan mit meinem aktuellen Untertitel meines Blocks „Alles scheint Natur, so glücklich ist die Kunst versteckt“, aus der Zitatekiste des 18. Jahrhunderts bedient. Vielen Dank, lieber Herr Hirschfeld.
Damals hat man in wirklich ganz großem Stil verwildert und auf die heimische Fauna geschaut. Also spannend, was Peter Vornholt, als erfahrener und ausführender Gartendenkmalpfleger eines Landschaftsgartens zum „blackboxing“ zu berichten hat.
Los geht’s!

Hallo Peter, in welchen Bereichen lasst ihr in eurem Schlossgarten eigentlich gezielt verwildern?

Wir lassen überall dort den Pflanzen freien Lauf, wo sie sich auf eigene Initiative hin aussäen und dadurch zugleich den richtige Standort für sich finden.

Was ist eure Intention für die gezielte Verwilderung? Welcher Eindruck soll dabei für den Besucher entstehen?

Wir möchten im Schlosspark möglichst Pflanzen mit standortnahen Ansprüchen wachsen sehen. Wir sehen unseren Park nicht als Arboretum oder botanische Sammlung. Die ersten Landschaftsparks wurden bereits im 18. Jahrhundert, nach dem die strengen barocken Zeiten vorüber waren, u. a. nach der Vorgabe ‚Zurück zur Natur‘, angelegt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Schon Sckell, Pückler und Lenné verwendeten vornehmlich heimische Gehölze und hatten mit ihnen ausreichende Charakterdarsteller in ihren Parks.

Welche Pflanzen setzt ihr ein und wann habt ihr mit den Initialpflanzungen begonnen?

Wir setzen zunehmend mehr sogenannte Geophyten im Park ein um die Vegetationsphase zu verlängern. So haben wir in den letzten Jahren gut 80.000 Galanthus nivalis und worrowii, Eranthus hyemalis und Scilla mischtschenkoana und sibirica an ausgesuchten Standorten gesetzt, die sich insbesondere unter großkronigen Bäumen befinden. So ergibt sich ein sehr schöner Lichteffekt unter den noch laublosen Kronen, wenn  die Wintersonne mitspielt. In den letzten Jahren konnten wir  im Bereich des Bosketts eine vermehrte Versamung von Mahonia aquifolium feststelen. Für viele oft nur als ein Straßenbegleitgrün bekannt, für uns aber eine Pflanze die verstärkt auch zur Kaiserzeit Verwendung fand. Da sie sich offensichtlich noch immer sehr wohl bei uns fühlt haben wir im Frühjahr mit ihrer zusätzlichen Pflanzung den immergrünen Aspekt des Bosketts noch stärker herausgestellt. Weiter haben wir u. a. alte Pflanzenlisten meiner Vorgänger und ein Herbarium von 1845, als Quelle zur aktuellen Pflanzenverwendung. Eine wichtige Quelle, denn die Standortbedingungen haben sich ja nicht so gravierend verändert.
Natürlich versuchen wir aber immer auch wieder durch Initialpflanzungen das Sortiment zu erweitern. So haben wir vor Jahren im Uferbereich des Schlossteichs überzählige Hemerocallis-Hybriden aus dem Staudengarten gesetzt, die sich hier ohne jährliche Pflege ausbreiten. Weiter wurden von uns am schottrigen Burghang Verbascum oder auch einige Sanddörner gepflanzt.

Wie zufrieden bist du mit den Ergebnissen bis jetzt?

Wie in jedem Garten ist die Geduld ein ständiger Begleiter und auch die Bereitschaft vorgenommene Pflanzungen zurückzunehmen und noch einmal etwas Neues auszuprobieren. Klappt es im Schatten des Bosketts zum Beispiel mit Pachysandra und Polygonatum odoratum, so haben wir am gleichen Platz mit Waldsteinia und Carex morowii kein Glück gehabt.
In der Goehte’s Ruh wurden die Beete mit Pflanzen des ausgehenden 19. Jahrhundert bepflanzt, welche Verwendung in den bürgerlichen Gärten fanden. Der Standort ist in einer Senke und umgeben von großen Eiben, welche wir zur Südseite so stark zurücknahmen, dass wieder ausreichend Lichteinfall gegeben ist. Darunter waren: Primula auricula, Digitalis lutea, Malva moschata, Anaphalis triplinervis, Pulmonaria rubra, Hellborus orintalis, Hydrangea macrophylla und Rosa. Die Ränder der Beete wurden mit Geum coccineum und Duchesna indica bepflanzt.
Stark durchgesetzt haben sich bis heute die Helleborus, Pulmonaria, stellenweise Anaphalis und natürlich Duchesna indica, welche auch in anderen Bereichen des Parks wild wachsen. Ebenso wachsen Helleborus an sämtlichen Standorten des unteren Landschaftspark. Erstaunlicher Weise fast krankheitsfrei auch Rosa moschata.
Das Ergebnis für uns wiedermal: Beobachten welche Pflanzengattungen aber auch -arten sich  bereits erfolgreich in unserem Park etabliert haben, auch auf über hundert Jahre zurückgeblickt. Aufschlussreich ist es aber auch in anderen Parks Bad Homburgs zu schauen, was dort wächst oder in dortigen alten Pflanzenlisten zu finden ist.

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Helleborus und Anemone nemorosa

 

Welche Pflanzen verwildern bei euch problemlos?

Walderdbeeren am Hang im schotterhaltigem Boden, Lerchensporn überall dort wo ihm zunehmend Platz gemacht wird, durch Zurücknahme oder entfernen von dichtem Strauchbestand. Das Habichtskraut am nicht zu feuchtem Ufer. Sämtliche Geophyten für trockene Standorte.

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Corydalis am Burghang

 

Insofern du mit einigen Pflanzen nicht so happy bist, was sind die Probleme und Herausforderungen?

Im Obergarten, wo sich die intensiv gepflegten Teppichbeete und auch der Staudengarten befinden, ist es immer möglich die Standorte für gewünschte Pflanzen zu optimieren, wenn hier nicht bereits Pflanzvorgaben aus früheren Epochen bestehen. Der Landschaftspark hingegen zeigt uns zumeist die standortgerechten Pflanzen.
Eine Herausforderung ist sicherlich der Klimawandel mit seinen bereits einsetzten Folgen, der auch vor unserem Gartenzaun nicht halt macht. Das bezieht sich einmal auf die trockener werdenden Standorte, aber auch auf die stärker auftretenden fremden Schädlinge. Die ja schon lange bei uns angesiedelte Miniermotte in den Rosskastanien, haben wir durch sorgsames, regelmäßiges entfernen des infizierten Laubs sehr gut abwehren können. Eine weitere Maßnahme war das Entfernen von Strauchgruppen unter den Kastanien, damit auch dort das kranke Laub komplett aufgenommen werden kann.
Vor zwei Jahren begannen wir in die Bäume Nistkästen für Blaumeisen zu hängen, die sich als natürlicher Feind entwickelt haben. Überhaupt ist es sehr wichtig eine Vielfalt an Vögeln zu haben und zu fördern. In Marokko hörte ich den Satz zu jemandem der sich Gedanken um seinen Garten machte: „Wenn du nur ausreichend Vögel in deinem Garten hast, so mach dir keine Sorgen darum wie es um deinen Garten bestellt ist“. Auch in einem wohlgepflegten, natürlichen Garten fühlen sich Vögel sehr wohl.
Zurzeit findet im Park durch einen ehemaligen FÖJ-ler von uns eine Vogelbeobachtung und -zählung statt.
In den letzten Jahren haben wir auch mal nicht nachgewiesene Bäume für unsere Park gepflanzt, die der Trockenheit eher trotzen. Dazu gehörten Sophora japonica, Celtis australis, Quercus turneri und Quercus petrea. 

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Zu fester Boden für Fritillaria meleagris entlang des Bachlaufs

 

Gibt es über die aktuellen Pflanzungen hinaus weitere Pläne, Pflanzen verwildern zu lassen?

Ja, auch in diesem Jahr haben wir bereits Petasites hybridus im Uferbereich des Altbachs und auch im Teichbereich gepflanzt. Aber im Großen und Ganzen hoffen wir vielmehr auf das selbständige Versamen vieler Wildkräuter und Geophyten. Diesen sind wir insofern behilflich, als dass wir unsere Wiesenschnitte in bestimmten Bereichen reduzieren bzw. auf die erste Versamung warten und zudem bei den Arbeiten mit dem Freischneider Hilfe leisten. Diese sieht dann z. B. in Mauerbereichen und auch am Ufer der Gewässer ganz konkret so aus , dass wir den schwächeren Pflanzen den Konkurrenzdruck der Nachbarpflanzen durch deren Schnitt nehmen. Diese Arbeit setzt unbedingte Sensibilität der Mitarbeiter bei der Arbeit mit diesen oft sehr groben Maschinen voraus. Durch jahrelanges Unterweisen und gemeinsames Beobachten sieht man bei uns im Park oftmals Inseln mit Pflanzen wie Salvia pratensis, Allium ursinum (Bärlauch), Myosotis palustris aber auch im Frühjahr immer größer werdende Flächen mit Wiesenschaumkraut.  

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Cardamine pratensis

 

Hast du Tipps, Ratschläge oder gar Warnungen für diejenigen, die es uns nach machen möchten?

Bei allen Verwilderungsabsichten und dem Schaffen von Artenvielfalt im eigenen Garten, sollte man nicht so blauäugig sein zu meinen, das gezielte Verwildern lassen würde die Gartenarbeit vereinfachen. Ich glaube das Gegenteil ist der Fall. Unabdingbar ist es sich ein Wissen über die Ansprüche der jeweiligen Pflanzen anzueignen und sich zunächst einmal über Standort und Boden ebenso wie über die Witterungsverhältnisse meiner Region (auch hier gibt es Unterschiede zu beachten) schlau zu machen. Das geht hin bis zur Beobachtung der Pflanzenwelt ausserhalb meines Gartens. Ein gutes Verhältnis zu des Nachbars Garten kann hier schon manchmal helfen.

Vielen Dank Peter und einen Gruß an dein Team!

Die Arbeit als Schlossgärtner hat Peter Vornholt von der Pike auf gelernt. Wie auch ich ein Kind des Potts lernte Peter im Schlossgarten Lembeck, wo er später auch als verantwortlicher Gärtner tätig war. Ferner war die Roseninsel Mainau eine seiner Stationen bevor er Hofgärtner im Schlossgarten Bad Homburg wurde. Zudem betätigt sich Peter im Arbeitskreis historische Pflanzenverwendung, dem Arbeitskreis Küchengärten sowie dem Arbeitskreis Orangerien.
In seiner Freizeit macht er als Saxophonist Garagen Rock mit der Band „The Tulips“.

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